Unbekannte Kreideschriften in Ihlienworth sollten kein Anlass sein, die gesellschaftlichen Gräben weiter zu vertiefen
In Ihlienworth haben Kreideschriften auf einer Straße eine ungewöhnlich große politische und mediale Reaktion ausgelöst. Zu lesen waren unter anderem die Aussagen „Deutschland – Heimatliebe ist kein Verbrechen“ und „Ich bin Patriot“.
Bislang ist nicht bekannt, wer diese Worte auf die Straße geschrieben hat. Ebenso liegen nach den öffentlich bekannten Informationen keine belastbaren Hinweise darauf vor, dass die Verfasser einer extremistischen Organisation oder überhaupt einer politischen Gruppierung angehören.
Trotzdem wurde früh die Frage nach „rechtslastigen Urhebern“ aufgeworfen. Vertreter verschiedener Parteien, die Initiative „Omas gegen rechts“, die Schulleitung, Anwohner und Bürgermeisterkandidaten kamen anschließend zu einer gemeinsamen Aktion zusammen. In der dazu veröffentlichten Erklärung wurde unter anderem auf Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Bezug genommen. Ein konkreter Zusammenhang zwischen diesen schwerwiegenden Begriffen und den unbekannten Urhebern der Kreideschriften wurde im vorliegenden Bericht jedoch nicht nachgewiesen.

Besonnenheit ist keine Verharmlosung
Wir unterstützen ein friedliches und respektvolles Zusammenleben. Rassismus, Antisemitismus, persönliche Bedrohungen und Gewalt haben in unserer Gesellschaft keinen Platz. Gerade deshalb sollten derartige Vorwürfe nicht leichtfertig oder ohne eine nachvollziehbare Tatsachengrundlage in den Raum gestellt werden.
Wer vor einer Bewertung zunächst nach Belegen fragt, verharmlost nichts. Er handelt verantwortungsvoll.
Nicht jede unklare oder ungeschickte Aktion ist automatisch Teil einer politischen Strategie. Nicht jedes Bekenntnis zur Heimat ist extremistisch. Und nicht jeder Mensch, der sich als Patriot versteht, stellt deshalb eine Gefahr für andere dar.
Eine offene Gesellschaft muss unterschiedliche politische Auffassungen aushalten können, solange sie friedlich und im Rahmen unserer Rechtsordnung vertreten werden.
Worte haben Folgen
Die Art, wie über ungeklärte Ereignisse berichtet und gesprochen wird, bleibt nicht ohne Wirkung. Werden bereits harmlose oder zumindest nicht strafbare Aussagen vorschnell in die Nähe von Extremismus gerückt, kann bei vielen Menschen der Eindruck entstehen, sie müssten sich für ihre Heimatverbundenheit oder ihre politische Haltung rechtfertigen.
Gleichzeitig wächst auf allen Seiten das Misstrauen. Menschen begegnen einander dann nicht mehr als Nachbarn, Kollegen oder Mitbürger, sondern zunehmend als Angehörige vermeintlich feindlicher Lager.
Das kann nicht unser gemeinsames Ziel sein.
Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten brauchen wir mehr Sorgfalt, mehr Gelassenheit und die Bereitschaft, zunächst miteinander zu sprechen. Eine Demokratie lebt von der Auseinandersetzung. Sie lebt aber ebenso davon, dass wir dem politischen Gegenüber nicht vorschnell die schlechtesten Absichten unterstellen.

Empathie nicht verlieren
Auch innerhalb unseres Kreisverbandes erleben wir, dass politische Ausgrenzung und pauschale Verdächtigungen Spuren hinterlassen. Mitglieder berichten von Zurückhaltung, persönlichen Anfeindungen oder der Sorge, ihre Meinung offen auszusprechen.
Unser Appell an unsere Mitglieder und Unterstützer lautet dennoch: Bewahrt euch eure Menschlichkeit und eure Empathie.
Begegnet auch Menschen, die eine andere politische Überzeugung haben, mit Anstand. Unterscheidet zwischen einer politischen Position und dem Menschen, der sie vertritt. Lasst euch nicht dazu verleiten, auf pauschale Ablehnung mit eigener pauschaler Ablehnung zu reagieren.
Wir dürfen nicht das Verhalten übernehmen, das wir bei anderen kritisieren.
Für ein respektvolles Miteinander
Die Vorgänge in Ihlienworth wären eine gute Gelegenheit gewesen, zunächst Ruhe zu bewahren und die offenen Fragen zu klären:
- Wer hat die Kreideschriften angebracht?
- Gab es tatsächlich einen extremistischen Hintergrund?
- Oder wurde einer unbekannten Handlung vorschnell eine politische Bedeutung zugeschrieben?
Solange diese Fragen unbeantwortet sind, sollten Vermutungen nicht wie feststehende Tatsachen behandelt werden.
Wir wünschen uns eine politische Kultur, in der Probleme klar benannt werden, ohne sie unnötig zu vergrößern. Eine Kultur, in der berechtigte Kritik möglich bleibt, ohne Menschen vorschnell auszugrenzen. Und eine Kultur, in der Heimatverbundenheit, Toleranz und ein respektvoller Umgang miteinander keine Gegensätze sind.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht durch immer neue Verdächtigungen. Er entsteht durch Fairness, Augenmaß und die Bereitschaft, einander zuzuhören.
AfD-Kreisverband Cuxhaven



